Angst und Panikstörungen

DAS PROBLEM

 

Panikstörungen gehören klinisch-psychologisch gesehen zu den sog. schweren Angststörungen.

Menschen mit Panikstörung haben starke Angst davor, daß ihnen -auf Grund starker körperlicher Symptome und rasender Gedanken- in körperlich anstrengenden Situationen (z.B. bei körperlichen Belastungen) oder in Situationen, die mit Hilflosigkeit verbunden sind, etwas Schlimmes passieren kann: Herzinfarkt, Ersticken, Ohnmächtig oder Verrücktwerden o.ä.

In der Regel haben diese Menschen bereits sehr negative Erfahrungen gemacht, z.B. einen Schwächeanfall durchlebt, starke Herzschmerzen gehabt, eine oder mehrere Behandlungen wegen einer Herz- oder Kreislauferkrankung durchgemacht, eine ärztliche Warnung erhalten, sind ohnmächtig geworden, haben das Gefühl der zugeschnürten Brust erlebt usw.

Die entstandene Angst und die Angstsymptome hängen eng mit den gemachten Erfahrungen zusammen und können als "erworben, erlernt" auf Grund der traumatischen Erlebnisse in der Vergangenheit beschrieben werden. Eine Panikstörung liegt dann vor, wenn organmedizinisch abgeklärt ist, daß keine akute körperliche Gefährdung besteht und das Schutzverhalten aus medizinischer und psychologischer Sicht unangemessen, übersteigert und in der gezeigten Form eher falsch sind.

Die körperlichen Angstsymptome (z.B. Schweißausbrüche, Herzbeklemmungen, Herzschmerzen, Atemnot, Beklemmungen im Brustbereich, Wahrnehmungsstörungen, Schwindelgefühle)treten tatsächlich auf. Die stärker werdenden Körperbeschwerden verstärken die Angstgedanken usw. Dieses sich aufschaukelnde Wechselspiel zwischen körperlichen belastenden Reaktionen und den Angstgedanken ist ein "Teufelskreis der Angst". Sicher ist jedoch: Die befürchteten Konsequenzen werden nicht eintreten, wenngleich die betroffenen Menschen bereits schlimme Angst- und Belastungssituationen erlebt haben, vor denen sie nun wieder Angst haben.

Menschen mit schweren Ängsten und diesen Panikzuständen erkennen in der Regel nicht den Zusammenhang zwischen ihren Gedanken und den Botschaften ihres Körpers. Sie gehen davon aus, daß in ungeschützten und belastenden Situationen eine körperliche Katastrophe, wieder etwas Schlimmes droht. Das Schlimme bezieht sich in der Regel auf einen Herzinfarkt, eine Herzerkrankung, ein Herzversagen, einen Kreislaufzusammenbruch, Ersticken, Verrücktwerden usw. Viel Energie wird eingesetzt, um alle Situationen zu vermeiden, die mit Belastungen verbunden sind und die wenig Schutz signalisieren.

Viele Menschen mit diesen psychischen Problemen kennen Folgendes:

Die Angst kann durch unterschiedlich ausgelöst werden: Spüren von körperlichen Beklemmungen oder Schmerzen im Brust- oder Herzbereich, ärztliche Ermahnung, vorsichtig mit sich umzugehen, Lesen einer Todesanzeige, Hören von Jemand, der einen Herzinfarkt hatte, nach starken körperlichen Belastungen, Gedanken an Beklemmungen in der Brust, Befassung mit irgendeinem belastenden Thema.

Der Körper sendet erste Anzeichen für "Gefahr" aus.

Aus Angst erfolgt der zunehmende Rückzug an "sichere" Orte. Keinesfalls werden weitere Belastungen zugelassen. Alle Orte, die keinen Schutz bieten, werden vermieden. (Z.B. Öffentliche Verkehrsmittel, Kaufhäuser, Aufzüge, Treppen, weite Wege, Orte ohne schnelle ärztliche Hilfe usw.)

So schnell wie möglich müssen immer und jederzeit "sichere Nischen" erreicht werden. Was sicher ist, definiert der Betroffene, es muß nicht objektiv so sein. Viele Betroffene sehen ihr Zuhause als am sichersten an, eigentlich wäre es aber die Krankenhausambulanz.

Bei manchen Menschen ist es so schlimm, daß sie starke Medikamente nehmen müssen, um sich überhaupt freier bewegen zu können. Diese helfen aber nur kurzfristig. Oder sie sind außerhalb ihres Hauses auf Hilfe und intensive Unterstützung ihrer Mitmenschen angewiesen (und erfahren jedoch häufig Unverständnis).

 

Zusammengefaßt:

Erst das Sehen, Spüren und Hören läßt Bedrohung und Angst aufkommen. Die Unruhe (körperlich und gedanklich) verstärkt sich zu Angst durch frühere Angsterfahrungen und Bedrohungen durch Streß und bereits vorhandene innere Anspannung (z.B. Termine, Einkaufsstreß) durch körperliche Belastungen.

Das Wissen, daß die einschränkenden Ängste eigentlich unsinnig und unbegründet sind, werden von der immensen Bedrohung überlagert, daß Unachtsamkeit Tod und schwere Krankheit zur Folge haben könnten.

LÖSUNGEN

Menschen mit diesen Ängsten benötigen zunächst ein neues Wissen über ihre Ängste, damit sie offen sind für Veränderungen, bereit sind für eine sinnvolle Selbsthilfe oder psychotherapeutische Hilfe, Mut haben und wissen, daß effektive Hilfe möglich ist. Selbsthilfe und psychotherapeutische Hilfe setzen vor allem an an der falschen Zuschreibung der Ursachen für die körperlichen Beschwerden (durch Aufklärung),

an den Angstgedanken (durch kognitive Therapie) und an dem Rückzug und der Vermeidung (durch Konfrontation).Eine sinnvolle Psychotherapie und auch die Selbsthilfe- und Selbstbehandlungsmöglichkeiten orientieren sich an diesen Prinzipien:

Nach einer entsprechenden gedanklichen Vorbereitung und Aufklärung werden die "hilflosmachenden, vermeintlich schutzlosen und angstmachenden" Situationen schrittweise aufgesucht und dort die aufkommende Angst bewältigt. Dabei wird die neue Erfahrung gemacht, daß die befürchteten körperlichen Katastrophen ausbleiben. Im Gegenteil: Die Angst mit den belastenden Körpersymptomen läßt schrittweise und dauerhaft nach. Die leidenden Menschen und Angstpatientinnen und -patienten fühlen sich "wie neugeboren".ausbleiben.

Dieser Weg ist anstrengend (weil die Angst durchlebt wird) aber hocheffektiv.

Im Einzelnen:

Menschen mit unrealistischen Ängsten und Phobien -und als solche wird die Panikstörung angesehen- benötigen zunächst ein genaues Wissen darüber, wie ihre Ängste genau aussehen, sich äußern und warum sie da sind. "Warum sie da sind" heißt herauszufinden, welches die heutigen Gründe für die Ängste sind. Fachlich heißt das: Wodurch werden die Ängste aktuell aufrechterhalten? Warum stellen sich die Ängste immer wieder ein?

Das wichtigste Verständnis für die Ängste ist: Die Ängste sind erworben worden, sie stecken nicht einfach im Menschen drin. Sie sind gelernt und nicht angeboren.

In der Regel haben Menschen mit solchen Ängsten und Befürchtungen auch reale traumatische Erfahrungen und Belastungen hinter sich, die sie nie wieder erleben möchten und auf Grund derer sie wissen, "wovon sie sprechen".

Es ist sinnvoll, zunächst sich einmal eine Angst- oder Belastungssituation vorzustellen (z.B. Schmerzen in der Brust, Jogging, alleine im Kaufhaus) und dabei alle Gedanken aufzuschreiben, die bei dieser Vorstellung in den Kopf kommen.

Diese Gedanken sind daraufhin zu hinterfragen, ob sie wirklich realistisch sind. Phobische, angstfördernde und unrealistische Gedanken sollten in mutmachende und helfende Gedanken verändert werden.

"Es könnte etwas passieren" wird z.B. zu: "Ich stehe das ohne Schaden durch." "Ich habe aber Angst" wird z.B. zu: "Die Angst soll sich nicht so in den Vordergrund drängen. Ich werde mich wieder trauen und üben." "Ich schaffe das nicht" wird z.B. zu: "Ich werde es schaffen. Zunächst muß ich meine Angst bewältigen, aber es wird immer besser werden."

"Und wenn ich sterbe" wird z.B. zu: "Ich werde die Angst zunächst unangenehm spüren, aber es wird mir und meinem Herzen nichts Ernsthaftes passieren. Viele Menschen haben schon solche Situationen erlebt und durchgestanden. Ich werde immer sicherer werden und schließlich keine Angst mehr haben. Daher werde ich auch nicht sterben"

Wichtig ist, daß die neuen, veränderten Gedanken akzeptiert und durch immer wiederholtes Aufsagen (Trockenübung) verinnerlicht werden können.

In einem zweiten Schritt empfiehlt bei der Selbsthilfe, wenn die körperliche Anspannung während der Angst zu groß und belastend ist, ein Entspannungstraining, z.B. Muskelentspannung, Autogenes Training u.ä. Hierfür gibt es Bücher, Ton- und Videokassetten, aber auch entsprechende Angebote in Volkshochschulen, Familienbildungsstätten und durch Krankenkassen.

Mit dem Potential des neuen Verständnisses der Panikstörung, den neu erlernten Gedanken und ggf. der Fähigkeit zur Entspannung beginnen leichte Übungen in den Situationen, die noch keine schwere Angst, aber Unruhe hervorrufen: z.B. außerhalb des Hauses, weg von Krankenhäusern, in engen belebten Straßen, Kaufhäusern usw. Es ist wichtig, daß Angst oder doch starke Unruhe auftreten. Daher kann jeder Betroffene selbst am besten beurteilen, wann und wodurch die Angst ausgelöst wird. Diesen Situationen gilt es, sich schrittweise auszusetzen, sie neu zu erobern. Angst muß daher auftreten können, wenn auch zunächst in geringem Ausmaß, damit die Erfahrung gemacht wird, daß durch das Dabeibleiben, durch die neuen Gedanken und ggf. bei leichter Entspannung die Angst nach einer Zeit bewältigt wird und nachläßt.

Die Übungen dann zunehmend steigern, wenn die Erfahrung existiert, daß die Angst zu bewältigen ist. Dann immer schwierigere Angstsituationen aufsuchen, d.h. sich ggf. stärker auch körperlich belasten und immer wieder die Angstbewältigung durch konstruktive Gedanken und gezielten Einsatz von Entspannung unterstützen. Jede Situation solange durchleben und "aushalten", bis die Angst fast abgeklungen ist.

Nicht ausruhen in den erzielten Erfolgen. Die Panikstörung hat sich in der Regel über einen langen Zeitraum entwickelt, breit gemacht und gefestigt. Daher bedarf es auch immer wiederholten Übens, um die Angst endgültig zu verlieren oder auf einem sehr geringen und wenig belastenden Maß zu halten.

Aber: Da die Erfahrung auf diesem beschriebenen Weg in der Regel bereits sehr ermutigend und sehr erfolgreich ist, werden die weiteren Schritte bereits motiviert und engagierter durchgeführt werden können.

PSYCHOTHERAPEUTISCHE HILFE ist sinnvoll und notwendig,wenn die Ängste bereits zu stark sind (z.B. sehr massive körperliche Symptome die Angst begleiten, die Angstgedanken sehr quälen, starkes Vermeiden besteht), wenn eine Hilfe auf dem oben beschriebenen Weg der Selbsthilfe nicht möglich ist oder kein Zutrauen für diesen Weg vorhanden ist, wenn die Bewältigung der Angst aber sehr notwendig ist.

Die hilfreichste Form der Psychotherapie heißt VERHALTENSTHERAPIE: In der Verhaltenstherapie wird zunächst eine Art Problemanalyse gemacht. In der Problemanalyse wird erarbeitet, warum die Ängste existieren und auch wann und wie sie entstanden sind.

Wenn der Weg der Angstbewältigung nicht alleine möglich oder wenn die Ängste zu stark sind, können eventuell noch andere Gründe für die Angst vorliegen. Diese werden dann im Verlauf der psychotherapeutischen Behandlung gefunden und in die Therapie einbezogen.

Die Angstbehandlung orientiert sich ansonsten ebenfalls an den beschriebenen Prinzipien: Veränderung der Angstgedanken, Beenden der Vermeidung, Konfrontieren mit der Angst, Üben und schließlich die Erfolgserlebnisse durch neue Erfahrungen in den bisherigen Angstsituationen. Der Erfolg besteht darin, sich wieder frei und unbekümmert von Angst in allen Situationen bewegen zu können.

Aus WDR2 Westzeit vom 09.03.98
Beratung und Autor: Dr. Steffen Fliegel

Christian
Kontakt: info@sonne2u.de oder Telefon: 05 81 - 3 89 67 84

 
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